Mit der Kunst durch Raum und Zeit: „Reisebilder – Sehnsuchtsorte“ im Nordhäuser Kunsthaus Meyenburg

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Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade "Thüringen wieder  entdecken", zu der die Thüringen Tourismus GmbH und "Thüringen bloggt" aufgerufen haben.

 

 


Gleich das erste Gemälde versetzt mich zurück in meine Kindheit. Eine Heidelandschaft mit der unverwechselbaren Färbung des blühenden Heidekrauts, dazwischen schlanke Birken und dunkle Wacholderbüsche. Flache Weite. Ich bin wieder sechs Jahre alt und spaziere mit meinen Eltern in einem trockenen, warmen Sommer durch die Lüneburger Heide. – Ein, zwei Bilder weiter: die Lithographie eines Steilufers an der Ostsee. Ich bin ungefähr zwölf, stehe an einer Steilküste bei Gelting und beobachte Uferschwalben, die ihre Löcher in die Steilwände gegraben haben. – Dann ein Ölgemälde vom Wattenmeer. Meine Nordsee, an der ich als Kind wie auch als Erwachsene immer wieder war, mit den Farben von Wasser, Sand, Strandhafer und Deichen. Mit einem Lächeln erinnere ich mich, Bild für Bild. Das Lächeln verlässt mich nicht mehr auf meinem Weg durch die Museumsräume.

"Verkehrsmittel" Kunst

Ölgemälde in Sand- und Erdfarben, daneben Text: "Man muss sich mit dem Entdecken begnügen und auf das Erklären verzichten (Georges Braque)"
Eine Entdeckungsreise durch Raum und Zeit mit den Augen der Kunst: Denis Jully, "Ouzod-Wasserfälle - Marokko", Foto: Kunsthaus Meyenburg

„Reisebilder – Sehnsuchtsorte“ heißt die aktuelle Ausstellung im Kunsthaus Meyenburg in Nordhausen, ganz im Norden Thüringens, die noch bis zum 17. Oktober zu sehen ist. Sie vereint 80 Werke verschiedener Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichen Epochen zu einer Reise mit dem "Verkehrsmittel" Kunst. Dabei geht es nicht nur um Fernweh: Sehnsuchtsorte sind auch Orte, von denen uns nicht nur der Raum, sondern auch die Zeit entfernt hat. Orte, an denen wir einmal zu Hause waren oder unvergessliche Augenblicke verbracht haben.

Reisen und die Kunst: Andere Landschaften, anderes Licht

Die Werke sind geographisch angeordnet. Ich bewege mich von Region zu Region, von Land zu Land, von Erdteil zu Erdteil. Wie die Künstlerinnen und Künstler, deren Bilder ihre Eindrücke von den so verschiedenen Ecken der Welt eingefangen haben. Das Reisen hat für die bildende Kunst immer eine wichtige Rolle gespielt. Das Malen fremder Landschaften, anderer Pflanzen, fremder Menschen, anderer Architektur, des anderen Lichts. Die Einflüsse der Kunst anderer Kulturen. Das Entdecken mit den Augen der Kunst. 

Drei Ölgemälde mit intensiven Farben und kräftiger Struktur in einer Ausstellung
Kraftvolle Impressionen aus dem Allgäu von Bernhard Maria Fuchs und Harry Meyer, Foto: Kunsthaus Meyenburg

Aus den norddeutschen Landschaften meiner Kindheit geht es ins Allgäu. Zwei ungeheuer kraftvolle zeitgenössische Ölgemälde von Harry Meyer ziehen mich mit ihren intensiven Farben und dem plastischen Farbauftrag in ihren Bann. Dann nach Frankreich. Claude Monets Farblithographie „Mohnfeld bei Argenteuil“. Picasso. Braque. Durch die Anordnung nach Regionen entstehen spannungsvolle Gegenüberstellungen. Der Berg Sainte-Victoire, gesehen durch die Augen von Cezanne (1873) und Chagall (1966). Nach Spanien. Miró. Nach Italien. Venedig, der Canale Grande, einmal dargestellt von einem unbekannten Künstler um 1800, einmal ein Acrylgemälde des Nordhäuser Künsters Jürgen Rennebach in sanften Blautönen von 2018.

Sehnsucht aus dem Blickwinkel der Kunst

Drei Gemälde Venedigs aus verschiedenen Epochen
Dreimal Venedig, Foto: Kunsthaus Meyenburg

„Reisebilder – Sehnsuchtsorte“ ist die erste Ausstellung im Kunsthaus Meyenburg seit Beginn der Corona-Pandemie. Kein Thema könnte passender sein nach anderthalb Jahren der Kontaktbeschränkungen, der geschlossenen Kultureinrichtungen und – ohne Reisen. Dennoch stand das Konzept schon fest, bevor das Virus die Welt wieder unüberwindbar groß werden ließ. Corona hat die Ausstellung verändert, und den Blick der Besucher darauf.

Das Kunsthaus zeigt 80 Werke, die zum Teil Leihgaben der Sammlung Sundermann sind, zum Teil aus der Sammlung Städtische Museen Nordhausen und der Sammlung der Ilsetraut Glock-Grabe Stiftung stammen. „Die Bilder wecken schöne Erinnerungen an das, was man kennt, und Sehnsucht nach dem, was man nicht kennt“, beschreibt Susanne Hinsching, Leiterin der Städtischen Museen Nordhausens. Doch, so stellt sie fest, diese Sehnsucht ist nichts Negatives, auch wenn wir jetzt nicht an jeden Ort reisen können. Denn wir empfinden sie durch den Blickwinkel der Kunst, die immer auch ihr eigener Zweck ist.

Reisen durch Raum und Zeit

Die Ausstellung verbindet Raum und Zeit auf mehreren Ebenen. Während wir uns durch die Ausstellungsräume bewegen, reisen wir mit der Kunst in Gedanken durch die Welt. Und so, wie die Werke aus den unterschiedlichsten Epochen uns eine Brücke durch die Zeit bauen, wecken sie zugleich Erinnerungen an Orte und Zeiten.

Wir erreichen die maximale Entfernung von zu Hause. Die Seychellen. Zwei faszinierende, mosaikartig aus filigranen bunten Farbflächen zusammengesetzte Farbserigrafien von Michael Adams. Die Südsee. Gauguin natürlich und Max Pechstein. Asien. Eine Winterlandschaft der zeitgenössischen Künstlerin Mariko Assai. Ein Holzschnitt von Katsushika Hokusai aus der Serie „Sechsunddreißig Ansichten des Berg Fuji“, zu dem auch die berühmte „Große Welle vor Kanagawa“ gehört. Ein Film, der eine China-Reise dokumentiert: die heutige Version von Reisebildern.

Verorten und Entschleunigen: Der Garten des Kunsthauses

Bronzeskulptur zweier Kraniche inmitten grüner Pflanzen
Die Kraniche haben ihre Heimat im Garten des Kunsthauses Meyenburg gefunden.

Ich komme wieder in Nordhausen an und verorte mich auf meine Art, im Draußensein, wieder mit dem Hier und Jetzt: Den Garten des Kunsthauses Meyenburg darf man beim Besuch des Museums auf keinen Fall auslassen. Rund um die Villa spenden alte Bäume, Rosen, gemütliche Bänke und ein Seerosenteich Entschleunigung und Erholung. Und Kunst, natürlich. Hier hat das lebensgroße Mammut eine Heimat gefunden, das „Werbegesicht“ einer Nordhäuser Spirituosen-Spezialität. Ebenso die Kraniche, eine Bronzeskulptur, die an ihrem ursprünglichen Standort auf dem Theaterplatz immer wieder zerstört worden war. Von überall im Garten hat man einen schönen Blick auf die Villa und ihren zurzeit für Sanierungsarbeiten eingerüsteten Turm, der normalerweise eine atemberaubende Aussicht über Nordhausen, zum Kyffhäusergebirge im Südosten und zum Harz im Norden bietet.

Eine Kostbarkeit im Norden Thüringens

Helle Villa mit Prachtgiebel und Turm in einem Garten mit alten Bäumen, Hecken und Bänken
Das Kunsthaus Meyenburg vom Garten aus gesehen, Foto: Kunsthaus Meyenburg

Das Kunsthaus Meyenburg ist eine Kostbarkeit. Faszinierende Ausstellungen gab es hier, seit das Kunstmuseum im Jahr 2002 in die Jugendstil-Villa in der Oberstadt eingezogen ist. Besonders gern erinnert Museumsleiterin Susanne Hinsching sich an Picasso 2007. Bemerkenswert waren auch „Los Caprichos“ mit Werken von Francisco de Goya und Salvador Dali, „Der schöne Sensenmann – Der Tod in der Kunst“ 2018 oder „Impressionisten – Expressionisten – Vom Eindruck zum Ausdruck“ 2016. Fünf Ausstellungen gibt es normalerweise pro Jahr. Alle zwei Jahre wird der Grafikpreis der Ilsetraut Glock-Grabe Stiftung bundesweit ausgeschrieben und verliehen. Regelmäßig ergänzen Lesungen, die Konzertreihe „Kammermusik im Kunsthaus“, die ein Kammerkonzert mit der Bildbetrachtung eines Werks der jeweils aktuellen Ausstellung verbindet, und die Talkshow-Reihe „Auf ein Glas Wein mit …“ das abwechslungsreiche Programm, das vom tatkräftigen Förderverein des Kunsthauses unterstützt wird.

Bedingt durch die Corona-Pandemie gibt es 2021 nur drei Ausstellungen, nachdem das Kunsthaus von März bis Juni komplett schließen musste. Auf die „Reisebilder“ folgt ab 23. Oktober eine Ausstellung mit Fotografien des Leipziger Modefotografen Olaf Martens, der eine Zeitlang in Nordhausen gelebt hat.

Villa hinter großen alten Bäumen
Alte Bäume umrahmen das Kunsthaus Meyenburg

Nach meinem ersten Ausstellungsbesuch seit Corona kehre ich seltsam beruhigt in meinen Alltag zurück. Die weite Welt mit ihrer Vielfalt ist immer noch da, das haben mir die Abbildungen bewusst gemacht. Und auch die Vergangenheit ist nicht ganz verschwunden – die Kunst erhält uns eine Verbindung zu ihr. Eines Tages werden wir auch wieder in der Wirklichkeit reisen können, bewusster vielleicht, behutsamer, und neue Erinnerungen schaffen.


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