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Vom Lockdown zum Flockdown - Sprache in der Corona-Pandemie

Während ich dies schreibe, ist die Corona-Situation ist gerade wieder sehr beunruhigend, auch hier ums Homeoffice herum steigen die Zahlen. Und ja, wir haben alle gerade andere Sorgen – aber vielleicht lenkt es mich (und Sie) ein wenig ab, wenn ich meiner Faszination für Sprache nachgebe und darüber schreibe, wie die Pandemie sich in unserer Sprache abbildet.

Schreibmaschine, auf dem eingespannten Blatt steht "#Corona".
Die Pandemie hinterlässt Spuren in unserer Sprache

 

Sprache verändert sich. Ohnehin schon, ständig, und durch die unterschiedlichsten Einflüsse. Kontakt mit anderen Sprachen, mit anderen Kulturen. Neue Techniken, die benannt werden müssen, neue Umstände und Gewohnheiten. Unser Leben beeinflusst unsere Sprache. Und umgekehrt – unsere Sprache beeinflusst auch unser Denken und Leben. 

 

Da wir in einer außergewöhnlichen Zeit leben, passiert auch in der Sprache gerade eine Menge. Manche Wörter schaffen es durch die besonderen Umstände in unsere Alltagssprache. Andere gewinnen eine ganz neue Bedeutung oder werden uns erst bewusst. Es gibt sogar welche, die mehr oder weniger kreativ durch die Pandemie erst geprägt worden sind. Und nicht zuletzt werden Begriffe aus der Pandemie auf Gebiete übertragen, die eigentlich gar nichts damit zu tun haben. Die Veränderung der Sprache funktioniert also in beiden Richtungen, was ich besonders spannend finde. 

Inzidenz und R-Wert: Fachbegriffe in der Alltagssprache

Wenn ein Wissensgebiet plötzlich so großen Einfluss auf unser aller Leben hat, bleibt es nicht aus, dass immer mehr Fachbegriffe Einzug in die Alltagssprache halten. Das ist hilfreich, denn so können wir uns präzise und nachvollziehbar verständigen, können davon ausgehen, dass wir gegenseitig wissen, wovon wir reden, dass wir Informationen verstehen und angemessen darauf reagieren können. (Gut, ein wenig mehr Verständnis für Statistik würde auch helfen).

Und so hantieren wir verbal mit R-Wert und Inzidenz, reden über exponentielles Wachstum, Spike-Proteine und Impfdurchbrüche, wissen über Inkubationszeit, Immunität und Aerosole Bescheid. So ähnlich wie damals, als das Atomkraftwerk in Tschernobyl explodierte und wir alle uns für eine Weile bestens mit Bequerel, Halbwertzeiten und Grenzwerten auskannten. Viele dieser Wörter gab es schon längst, aber erst durch die Pandemie sind sie uns mit ihrer ganzen, teils dramatischen Bedeutung ins Bewusstsein gedrungen – die Triage zum Beispiel, die in Krisensituationen schon längst so genannt und angewendet wird, weil es gar nicht anders geht, oder die Übersterblichkeit.

Für die Eindeutigkeit der Kommunikation und die fachliche Richtigkeit der Informationen ist die präzise Definiertheit von Fachbegriffen von Vorteil. Doch sie birgt durch ihre Abstraktheit auch gewisse Risiken. Denn Hand aufs Herz, erinnern Sie sich noch ganz genau an die Eigenschaften von Exponentialfunktionen, die Sie im Mathematikunterricht vielleicht mal gelernt haben?

Fachbegriffe: Risiken und Nebenwirkungen

Möglicherweise wäre es klarer gewesen, wenn man die Dramatik des Anstiegs der Infektionszahlen anders beschrieben hätte. Mit der Legende vom Schachbrett zum Beispiel: Legt man auf das erste Feld des Spielbretts ein Reiskorn und verdoppelt die Anzahl für jedes weitere Feld, wird schnell klar, dass sich die Zahl der Reiskörner bald in schwindelnden Höhen bewegt. Exponentielles Wachstum in Reinform. Ich glaube ja, dass man meiner Generation – die mit dem Kalten Krieg, der ständigen Bedrohung durch einen Atomkrieg und eben Tschernobyl groß geworden ist – die Gefährlichkeit des exponentiellen Wachstums am besten durch den Vergleich mit einer außer Kontrolle geratenen Kettenreaktion begreiflich gemacht hätte. Da liegt im Bild schon die Bedrohung. Oha, so funktioniert das mit den Ansteckungszahlen? Ganz klar, dass das schwer in den Griff zu bekommen ist.

In der Sendung „Redezeit“ auf NDR Info verwendete eine Virologin neulich immer wieder Metaphern aus dem Fußball, um ihre Botschaft zu verdeutlichen. Das hat perfekt funktioniert – und war inhaltlich, soweit ich es beurteilen kann, trotz der etwas saloppen Metaphorik einwandfrei. Vielleicht brauchen wir neben dem Verständnis der Fachbegriffe mehr eingängige, klare Bilder, um den Ernst der Lage deutlich zu machen.

2G oder 3G - Organisatorische Neuschöpfungen

Neue Situationen erfordern neue Begrifflichkeiten. Im Laufe der Pandemie tauchen immer mal wieder neue Wörter auf – zum Beispiel für Maßnahmen und Regeln. Oft sind es Abkürzungen, so dass neue Akronyme entstehen: wir leben seit Beginn der Pandemie nach den AHA-Regeln, diskutieren über Vor- und Nachteile von 2G und 3G oder 2G+ und wissen alle, was damit gemeint ist. Aber es gibt auch längere Beispiele: Öffnungsstrategie zum Beispiel. So erweitert sich der Wortschatz in vergleichsweise kurzer Zeit um eine ganze Menge Wörter.

Auffällig viele der neuen Begriffe stammen aus dem Englischen. Das ist nicht verwunderlich, umspannt doch die Pandemie (wie es ihr Name sagt) die ganze Welt, in der Englisch schon seit langem als Lingua franca fungiert. So sprechen wir von Lockdown und Shutdown, lassen uns boostern, fürchten Long COVID und diskutieren einen Freedom Day. Es gibt auch neue Zusammensetzungen mit Anglizismen, die schon lange den Weg in unseren Sprachgebrauch gefunden hatten, wie zum Beispiel mit „light“ zu Lockdown light oder mit „zero“ zu Zero Covid. In einer Situation globalen Ausmaßes ist das kein Wunder und hilft möglicherweise dabei, Lage und Maßnahmen verschiedener Staaten miteinander zu vergleichen.

Kreative Neuschöpfungen

Die Lebendigkeit und Wandelbarkeit der Sprache zeigt sich noch stärker bei Wörtern, die einfach plötzlich auftauchen – nicht als Überschrift einer neuen Regel in einer Corona-Verordnung, sondern gefühlt aus heiterem Himmel. Sie sind oft besonders phantasievoll, weil sie aus Sprachspielen, durch das Übertragen von Wortbildungsregeln oder durch eine klangvolle Kopplung von bekannten Bestandteilen zu etwas Neuem, Klangvollem entstanden sind. Sind sie einmal in der Welt, entwickeln sie ein Eigenleben und gehen in die Alltagssprache ein.

Eines der schönsten Beispiele dieser Art ist mir im „Agenturblog“ von Buddy Müller begegnet, der das Wort Coronicum als Bezeichnung für die Zeit der Corona-Pandemie verwendet. Das Wort ist analog zur Begrifflichkeit der geologischen Erdzeitalter wie Kambrium oder Mesozoikum aufgebaut und nimmt Bezug auf den weltbewegenden Impakt, den die Pandemie auf unser aller Leben hat. Weitere Beispiele sind die Covidioten, die Lockdownfrisur und der wunderbar plattdeutsche Snutenpulli.

Die Pandemie strahlt auf andere Bereiche aus

Manchmal funktioniert es auch umgekehrt. Das Wort Lockdown war schon längst etabliert, als sich im Februar 2020 starker Schneefall ankündigte. So richtig viel Schnee. Es dauerte nicht lange, da machte die augenzwinkernde Warnung vor dem Flockdown die Runde in den sozialen Netzwerken. Eine besonders kreative Wortschöpfung und sehr passend!

Der Corona-Wortschatz wird gesammelt

Sprachwissenschaftlich sind die starke Veränderung der Sprache durch die Pandemie und die ungewöhnlich schnelle Erweiterung des Wortschatzes ein interessantes Gebiet. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim stellt eine Liste des Corona-Wortschatzes zusammen, für die man online sogar Wörter vorschlagen kann. Sie hat schon einen beeindruckenden Umfang.

Vielleicht hilft uns die Sprache ein wenig dabei, die Pandemie gedanklich zu bewältigen. Durch ihre Präzision, durch ihre Kreativität, durch die Verständigung mit anderen, durch das Schmunzeln über Neuschöpfungen wie „Flockdown“. Sprache ist ein Weg, die Umwelt nicht nur zu benennen, sondern auch zu begreifen. Und nicht zuletzt kann man sich mit Sprache ein paar Gedanken von der Seele schreiben!

Was für besondere Corona-Wortschöpfungen sind Ihnen begegnet? Teilen Sie sie gerne in den Kommentaren – und reichen Sie sie beim Leibniz-Institut ein, sofern sie noch nicht auf der Liste stehen!

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