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Birgits Bücherkiste 1. Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten?

Ohne Bücher geht es nicht! Deshalb stelle ich Ihnen hier ab und zu ein Buch vor, das ich gelesen habe. In der ersten Folge erzähle ich von einem Sachbuch, das zu keinem passenderen Zeitpunkt hätte erscheinen können.  

Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise

Buch mit der Aufschrift "Frank Schätzing Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise"
Die Thrillerstruktur der Klimakatastrophe: "Was, wenn wir einfach die Welt retten?"

In seinem Bestseller „Der Schwarm“ (Februar 2004) hat Frank Schätzing einen Tsunami so realistisch beschrieben, dass – als zu Weihnachten desselben Jahres ein wirklicher Tsunami die Küsten des Indischen Ozeans verwüstete und etwa 230.000 Menschen tötete – seine Beschreibung dazu geführt haben soll, dass einige Urlauber die Anzeichen erkannten und sich retten konnten. Sein neustes Buch ist kein Thriller, aber kaum weniger spannend: „Was, wenn wir einfach die Welt retten? Handeln in der Klimakrise“. Auch dieses Sachbuch wird gerade von der Realität eingeholt. Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben eine schwere Flutkatastrophe erlebt, auch in Sachsen und Bayern gab es Überschwemmungen. Und auch wenn Wetter nicht mit Klima zu verwechseln ist, so ist doch unübersehbar, dass die Katastrophe mit großen Schritten näher rückt.

„Wir leben in einem Thriller“

Frank Schätzing ist ein (sorgfältig recherchierender) Thriller-Autor, und er verdeutlicht die Brisanz der Klimakrise, indem er ihre Struktur mit einem solchen vergleicht. Wir leben in einem Thriller, argumentiert er, schon immer, in einem Thriller mit wechselndem Titel. Wie der Held eines Thrillers müssen wir aus der Verdrängung zurück ins Handeln finden. Und wie in einem Thriller müssen wir dazu die Bedrohung zuerst verstehen. Das ist Schätzings Ziel, „… der Klimakrise das Abstrakte, Glaubenskriegerische zu nehmen und (…) möglichst viel Wissen zusammenzutragen. Wissen ist magisch. Wissen versetzt uns in die Lage, zielgerichtet zu handeln. Wissen gibt uns Kontrolle und Souveränität. Wissen ist die Wunderpille gegen fragwürdige Ideologien. Wissen erzeugt Zuversicht!“ (S. 16 f.)

Aus der Verdrängung zurück ins Handeln finden

Und so gelingt es Schätzing, die Klimakrise in ihrer ganzen Bedrohlichkeit, Dramatik und Brisanz darzustellen, ohne dabei in Resignation zu verfallen oder drohend den moralischen Zeigefinger zu heben. Im Gegenteil, „Was, wenn wir einfach die Welt retten?“ ist ein zuversichtliches Buch. Es leugnet nicht die Gefährlichkeit und Dringlichkeit der Klimakrise, aber es lässt seine Leser:innen nicht in Angst erstarren, löst keinen Fatalismus aus, sondern zeigt, wie wir die Welt – unsere Welt, in der die Menschheit gut leben kann – noch retten können. Die Zeit, die uns bleibt, ist knapp bemessen – wie üblich im Thriller.

„Lässt sich die Tragödie umschreiben?“

Nach einigen grundlegenden Fakten über das Klima und der Entkräftung von Argumenten gegen den menschengemachten Klimawandel (denen er nicht mehr Aufmerksamkeit widmet als sie verdienen) lässt Schätzing, der Thriller-Autor, die Leserin als Heldin in einem Thriller aus mehreren Dialogszenen auftreten und das Fortschreiten der Erderhitzung in der Zukunft beobachten, Fakten recherchieren, mit Wissenschaftlern diskutieren. Wie in einer Serie mit mehreren Staffeln lässt er uns die mögliche Zukunft, wenn wir so weitermachen wie bisher, hautnah erleben. Schätzing stellt die Szenarien vor, die bei verschieden starkem Anstieg der Durchschnittstemperatur eintreffen, und lässt keinen Zweifel daran, dass wir uns momentan auf dem Weg zum schlimmstmöglichen davon befinden. Jedoch: Uns bleiben etwa zehn Jahre, um den Worst Case gegen ein günstigeres Szenario einzutauschen.

„Der wichtigste Spieler sind Sie“

Mit Hilfe der Theorie von der Tragik des Allgemeinguts, die veranschaulicht, warum frei verfügbare Güter geplündert und nicht ausreichend wertgeschätzt werden, und der Spieltheorie, die untersucht, unter welchen Bedingungen Egoismus durch Kooperation ersetzt wird, untersucht Schätzing das Verhalten der verschiedenen Player angesichts der Klimakrise. Die Spieler in dieser Krise sind Staaten, Länder, Gemeinden, Unternehmen – aber der wichtigste ist jeder einzelne von uns. Wir. Sie, die Leser:innen des Buchs. Uns zeigt er, was wir tun können, um seinen ökologischen Fußabdruck möglichst gering zu halten. Die vorgestellten Maßnahmen sind nicht alle neu, aber das enthebt uns nicht der Verantwortung, uns immer wieder selbstkritisch zu überprüfen und noch weitere Schritte zu gehen.

„Leben Sie, und leben Sie gut.“

Mit der Auflistung von klimaschützenden Maßnahmen, die jeder einzelne ergreifen kann, entlässt Schätzing Politik und Wirtschaft keineswegs aus ihrer Verantwortung – aber eben auch den einzelnen nicht. Und, ganz wichtig: Es geht nicht einfach um Verzicht. „Für Privathaushalte gilt: Leben Sie, und leben Sie gut! Ihr Alltag wird sich qualitativ wahrscheinlich sogar noch verbessern (und der anderer erfreulicherweise gleich mit), wenn Sie Ihren ökologischen Fußabdruck reduzieren.“ (S. 205f.) Auch dem Wachstum erteilt Schätzing keine Absage. Denn ohne Wachstum kein Fortschritt, auch nicht in den grünen Technologien und damit in der Rettung des Klimas. So plädiert er für die Neudefinition von Wachstum in einem bedarfsgerechten Sinn und schlägt im Schlussteil den Bogen vom Thriller zur Utopie.

Das Ruder herumreißen

Ich habe die Fakten keiner detaillierten Überprüfung unterzogen, sondern urteile als halbwegs gut informierte Laiin. Frank Schätzing erklärt die Grundlagen und analysiert klar und ungeschönt, was uns in die Krise geführt hat, was uns bevorsteht und welche Wege aus der Klimakrise herausführen können. Er macht uns Hoffnung, dass wir das Ruder noch herumreißen und die Erderhitzung auf ein einigermaßen erträgliches Maß begrenzen können. Denn ein fatalistisches „ist ja eh zu spät“ bringt uns nicht weiter. Und er zeigt, welche Rolle gezielte Desinformationskampagnen gespielt haben, aber auch, wie das Bewusstsein für Klimaschutz nicht zuletzt durch Fridays for Future gewachsen ist. Übrigens ganz ohne eine Front zwischen den älteren und den jüngeren Generationen aufzumachen.

Geschrieben im Angesicht der Corona-Pandemie, enthält das Buch einige Aspekte, die nicht nur unseren Umgang mit der Klimakrise, sondern auch mit dem Virus erhellen. Schätzing ist ein absolut lesenswertes Buch gelungen, informativ, aufrüttelnd, ernüchternd und gleichzeitig hoffnungsvoll, dabei trotz der Dimension des Themas immer auch voller Verständnis und Humor, unterhaltsam und angenehm zu lesen.

Nicht nur, weil der Klimawandel uns in diesem Sommer näher gerückt ist, ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung perfekt: In Kürze wird der neue Klimabericht des Intergovernmental Panel for Climate Change (IPCC) erwartet, der den Forschungsstand als Grundlage für wissenschaftsbasierte Entscheidungen zusammenfasst. Bis dahin: Lesen Sie Schätzings Buch. Und dann: Packen wir‘s an! Was, wenn wir einfach die Welt retten?


Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade #bestessachbuch2021 von Cordula Natusch.

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Kommentare: 4
  • #1

    Cordula Natusch (Freitag, 30 Juli 2021 06:02)

    Vielen Dank, dass du an meiner Blogparade teilgenommen hast und dass du dieses wichtige Buch vorstellst. Es ist gut, dass sich so bekannte Autoren wie Schätzing dafür einsetzen, dass wir mehr gegen den Klimawandel tun. Und dass sie zeigen, was jeder Einzelne tun kann.
    Liebe Grüße
    Cordula

  • #2

    Susanne Schäffer (Freitag, 06 August 2021 13:59)

    Das klingt hochinteressant und wird mich auf den Weg zur Buchhandlung bringen. Leider betrübt mich nach wie vor die Haltung der Politik mit eindeutigen Prioritäten. Aber es bleibt Hoffnung...

  • #3

    Diana Selig (Mittwoch, 11 August 2021 14:37)

    Danke für diese Rezension. Das Thema ist das Wichtigste unserer Zeit, nur leider ist es vielen Menschen nicht wirklich bewusst. Umso wichtiger, dass sich so ein Autor wie Frank Schätzing dem Thema annimmt und zwar so, dass es nicht nur interessant und wissenswert geschrieben wird sondern auch zum Handeln aufruft. Bin gespannt auf weitere Rezensionen von dir, Birgit.

  • #4

    Dorit Flor (Freitag, 13 August 2021 15:53)

    Vielen Dank für die ausführliche Buchvorstellung. Meine Leseliste ist gerade ein Stück gewachsen. :) Ja, Wissen ist Macht und gibt Handlungsmacht. Da hat der gute Herr Schätzing recht. Und diese Handlungsmacht sollten wir unbedingt nutzen.