· 

Kreativität und Selbstfürsorge - Selbstständig in der Corona-Pandemie

Heute ist einer der schlechteren Tage. Ich wollte schreiben und die nächsten Folgen einer etwas aufwändigeren Social-Media-Reihe vorbereiten. Aber die Nachrichten über die Pandemie zermürben mich immer mal wieder. Wie sehr sich das heute auswirkt, wird sich zeigen – unter anderem daran, ob ich trotzdem diesen Artikel fertig schreiben werde. Über Selbstfürsorge schreiben, während ich am liebsten die Welt für ein paar Stunden weg-lesen oder weg-schlafen würde? Mal sehen, ob das klappt.

Selbstständigkeit in der Pandemie

Selbstständig zu sein, hat während einer Pandemie Vor- und Nachteile. Wie auf viele Bereiche des Lebens, scheint die Corona-Lage auch darauf ein Brennglas zu richten, die hellen und dunklen Seiten noch heller und dunkler zu machen, den Kontrast zu verstärken. Als freiberufliche Texterin und Lektorin habe ich das große Glück, dass ich von zu Hause aus arbeite. In unserem Haus. Unabhängig vom Kontakt mit Menschen außerhalb unseres Haushaltes. Mit meinen Kund:innen kommuniziere ich per E-Mail, Telefon oder Zoom. Das alles wäre in der Festanstellung ganz anders und würde viel mehr Risikobegegnungen mit sich bringen.

Atelier eines Malers, auf einer Staffelei das Gemälde eines Corona-Virus, drumherum Leinwände, Farben, Pinsel und andere Utensilien
Wie bringe ich in der Corona-Pandemie Kreativität und Selbstfürsorge zusammen? Abbildung: Pixabay

Andererseits: Die Firma bin ich. Da ist niemand, der mal einspringen kann, keine Kollegin, mit der ich so wie früher im Drei-Mädels-Büro mal ein bisschen plaudern kann, die mich ablenkt, mit der ich mich beraten kann, die mir etwas abnimmt. Ich bin diejenige, die kreativ ist, aufmerksam Korrektur liest, die Buchhaltung macht, mit Kunden kommuniziert, sich ums Marketing und die Akquise kümmert und was noch so alles anfällt. Hinzu kommt: Die Kreativität funktioniert nicht an jedem Tag gleich, auch in normalen Zeiten nicht. Umso mehr beeinflusst die endlos scheinende Zeit der Pandemie jetzt meinen Kräftehaushalt. Selbstfürsorge ist jetzt noch mehr ein Thema als ohnehin schon. Wie funktioniert das für mich?

Selbstfürsorge für die Kreativität

Ich versuche, nachsichtig mit mir selbst zu sein. Es ist ganz normal, dass wir in dieser Zeit nicht so produktiv sind wie sonst. Und das nicht nur, wenn wir Kinder im Homeschooling zu Hause haben. Die mentale und emotionale Stärke (und zu einem gewissen Grad auch die körperliche Kraft, scheint mir) leiden unter der Dauerbelastung, die seit fast zwei Jahren besteht. Es hilft mir schon ein Stück weit, das zu akzeptieren und zu erfahren, dass es anderen auch so geht, mich auszutauschen und Tipps zu geben oder zu empfangen.

Daraus folgt: Ich muss aufpassen, dass ich meine Deadlines – wichtige Abgabetermine für Kundentexte oder Lektorate – so lege, dass genug zeitlicher Puffer zur Verfügung steht. So darf ich es mir „erlauben“, dass ich auch mal einen Tag nicht so viel schaffe wie geplant. Der Abgabetermin ist nicht gefährdet. Das nimmt den Druck von mir, gibt mir Raum für Pausen und sorgt dafür, dass nicht noch ein schlechtes Gewissen zur schlechten Stimmung hinzukommt.

So gewinne ich die Freiheit, flexibel auf meine Tagesform zu reagieren. Es gibt Aufgaben, die ich noch erledigen kann, wenn andere nicht drin sind. Selbst im Schreiben gibt es Abstufungen. Für einen Stammkunden texte ich kurze Produkttexte über faszinierende Designs, die mir oft ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Wenn ein langer Text nicht geht, machen diese Texte mir vielleicht immer noch gute Laune. Oder – da in der Selbstständigkeit immer was zu tun ist – statt zu schreiben, entwerfe ich Grafiken für meine nächsten Social-Media-Posts. Manche Tage sind auch besser geeignet für Aufgaben wie Buchhaltung. An anderen Tagen tut es mir gut, statt der Arbeit am Schreibtisch ein bisschen zu putzen. Muss ja auch gemacht werden, also – warum nicht?

Wenn es mit der Arbeit oder sonstigen Verpflichtungen nicht klappen will, habe ich eine ganze Reihe „klassischer“ Beschäftigungen, die für mich zur Selbstfürsorge beitragen. Lesen, eine kleine Wanderung, ein bisschen im Garten sitzen, stricken oder – das ist meine Fallback-Lösung, wenn die mentale Erschöpfung zu groß wird – die Welt in einem Mittagsschläfchen für ein paar Stunden wegschlafen. All diese Dinge sorgen dafür, dass ich die Nachrichtenlage für eine Weile vergesse und wieder Kraft schöpfe.

Und umgekehrt: Kreativität als Selbstfürsorge

Was ich in der Zeit meiner Selbstständigkeit gelernt habe: Manchmal wird auch umgekehrt ein Schuh draus. So wie heute, wo ich nicht aufgegeben, sondern mich trotz der pandemiebedingt schlechteren Tagesform und Stimmung an diesen Text gesetzt habe. Wenn ich nämlich Glück habe, setzt sich der Sog der Kreativität durch, zieht mich in die Konzentration und in den Flow und lässt die Welt in den Hintergrund treten. So trägt meine selbstständige Arbeit, das Schreiben, oft tatsächlich zu meiner Selbstfürsorge bei.

Manchmal funktioniert das mit Kundentexten, manchmal muss es ein eigener Text sein, länger oder kürzer, je nach Lage. Was wichtig ist: ich muss sehr aufmerksam in mich hineinhorchen, ob die Kreativität die Chance hat, ihren Zauber auszuüben, oder ob es mir besser tut, mich mit meinem Strickzeug aufs Sofa zu begeben. Und wenn ich beim Schreiben nach den ersten Sätzen merke, dass es nicht fließt: Kein Problem, nicht erzwingen!

Heute hat das Schreiben seine Wirkung entfaltet, ich konnte in den Text abtauchen und ihn zügig beenden. Ein andermal wird es anders sein – und ich muss mir das dann zugestehen, ich muss mir diesen Freiraum bei der Planung lassen, damit ich dann nicht unter zu viel Druck gerate. Mein größtes Selbstfürsorge-Learning: Ich darf mir das auch zugestehen. Und am nächsten Tag klappt es dann umso besser mit der Kreativität. Und mit der Stimmung.


Dieser Artikel ist mein Beitrag zur Blogparade #SelbstfürsorgeStärken von Anna Koschinski.

Kommentar schreiben

Kommentare: 3
  • #1

    Katrin Hertle (Mittwoch, 19 Januar 2022 14:33)

    Du schreibst mir aus der Seele!
    Auch ich hadere oft mit mir. Dann werden meine Pläne durch diese "äußeren Umstände" wieder völlig außer Kraft gesetzt.
    Dieses ständige sich neu orientieren müssen ist lähmend. Man reagiert, statt agiert.
    Deshalb habe ich mich vorgestern einfach mal hingesetzt und eines der Stücke ,die ich aktuell fertigen will, einmal komplett fertig gemacht. Der Anblick hat mir die Herzchen in die Augen getrieben, so dass alles bereits von heute Morgen vorbereitet ist, wenn ich gleich nach meiner Mittagspause hinunter huschen werde.

  • #2

    Anja Rödel (Dienstag, 25 Januar 2022 08:54)

    "Kreativität als Selbstfürsorge" - das klappt schon immer öfter bei mir. Umgekehrt merke ich, dass ich mich mehr um mich selbst kümmern darf, wenn mein Kopf keine kreativen Ideen für mein Business mehr findet.
    Danke für Deinen Artikel!
    Viele Grüße, Anja

  • #3

    Anna Koschinski (Donnerstag, 10 März 2022 11:04)

    Liebe Birgit,
    was du hier beschreibst, erlebe ich auch bei mir. Beides bedingt sich. Die Kreativität kann durch die äußerem Umstände gelähmt sein, gleichzeitig kann sie auch Treiber sein und mich wieder zurückholen in meinen "Flow". Wichtig ist, beides zu erkennen und anzuerkennen. Akzeptieren, dass es nicht immer nach Plan läuft. Und dass es noch andere Dinge gibt (außer Schreiben). Ich zum Beispiel backe gern, wenn meine Außenwelt durcheinandergeraten ist. Während das Brot im Ofen backt, sieht die Welt schon wieder anders aus. Da entsteht etwas.

    Dein letzter Absatz bringt es super auf den Punkt, finde ich: "Ich darf mir das auch zugestehen. Und am nächsten Tag klappt es dann umso besser mit der Kreativität. Und mit der Stimmung."

    Danke für deinen wertvollen Beitrag zur Blogparade!

    Liebe Grüße
    Anna