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Was ist mein Lieblingsmärchen?

Das ist eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Aber viele Gedanken. Und dann vielleicht doch eine Antwort.

Diese Frage hat Bettina von Hanffstengel mit ihrer Blogparade »Das ist mein Lieblingsmärchen und so beeinflusst es mich noch heute« gestellt.  Als Märchen-Fan und Fantasy-Autorin möchte ich unbedingt zu dem Thema bloggen. Gleichzeitig gibt es für mich keine eindeutige Antwort auf die Frage. Viele Märchen habe ich sehr gern, und es fällt mir auch nach längerem Nachdenken schwer, mich auf ein Lieblingsmärchen festzulegen. 

Habe ich überhaupt ein Lieblingsmärchen?

Ein Rehbock steht auf einer Wiese voller hellblauer Blumen, die ihm fast bis zum Bauch reichen. Man sieht ihn von der linken Seite, der Kopf ist zur Kamera gedreht.
Ich mag es, wenn Tiere in Märchen eine besondere Rolle spielen.

Besonders mag ich zum Beispiel viele Märchen von Hans Christian Andersen. Einige der Grimm-Märchen (vor allem ein paar weniger bekannte). Und welche von Wilhelm Hauff, Oscar Wilde und außerdem ganz unbekannte regionale Märchen. Aber welches davon mag ich am liebsten? Diese Frage kann ich immer noch nicht beantworten. 

 

Auf der Suche nach meinem Lieblingsmärchen habe ich unweigerlich auch darüber nachgedacht, was es eigentlich genau ist, das mir an den Märchen, die ich besonders mag, gut gefällt. Ein paar typische Märchenmotive, oder sollte man Tropes sagen, mag ich besonders. Bevor ich mich weiter mit der Frage beschäftige, welches mein Lieblingsmärchen ist, erzähle ich erstmal von meinen Lieblingsmotiven. Dann sehen wir weiter!

Meine Lieblingsmotive in Märchen

1. Starke Frauen

Nein, es ist nicht immer das arme, passive Mädchen, das mehr oder weniger ohne eigenes Zutun den Prinzen heiratet. Wenn man genauer hinsieht, gibt es viele Frauen, die klug und mutig sind, die Inititative und die Handlung voranbringen, jemanden (oder sich selbst) retten, einen Zauber lösen.

Zum Beispiel die Schwester, die sich durch nichts in der Welt davon abbringen lässt, ihrem Bruder zur Seite zu stehen, ihn zu retten oder zu beschützen. Gretel ist so eine Schwester, oder Elisa in »Die wilden Schwäne«, auch das namenlose Mädchen in »Die zwölf Brüder«. Nicht als Schwester, sondern als beste Freundin tut Gerda in »Die Schneekönigin« das gleiche.

Zum Beispiel die Frau, die klüger ist als die Männer und dadurch die Lösung herbeiführt. So wie die kluge Bauerntochter im gleichnamigen Märchen, die mit Sprachverstand und Logik alle vermeintlich unlösbaren Aufgaben löst und Gerechtigkeit durchsetzt. Wie die Magd im »Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen«, die dem Protagonisten das Gruseln auf ihre Art näherbringt und so vielleicht eine Ehe rettet.

2. Die Antihelden

In Märchen ist es oft nicht der offensichtlichste Kandidat, der das Problem löst und den Zauber besiegt. Es gibt den jüngsten Bruder, der empathischer ist als die Älteren. Den von allen für dumm Gehaltenen, der das Königreich erhält. Das unscheinbare Aschenputtel, das den Prinzen bezaubert. Und viele ähnliche Beispiele.

Ebenso werden die Konflikte und Herausforderungen häufig nicht mit Gewalt oder Kraft gelöst, sondern durch Schläue, Klugheit, List und Kreativität. 

3. Die Rolle des Alters

Das Alter spielt in Märchen oft eine wichtige Rolle. Die alten Figuren sind meistens wichtig, oft weise, manchmal böse, manchmal gut. Auf jeden Fall haben sie eine wichtige Funktion für die Handlung. Und halten eine wichtige Lektion für die jüngeren Figuren bereit. Besonders faszinierend finde ich das kurze Grimm-Märchen »Der alte Großvater und der Enkel«, in dem ein kleiner Junge beobachtet, wie Mama und Papa seinen alten Großvater behandeln, und ihnen das eins zu eins spiegelt: Das Alter mag für die Jüngeren schwer zu ertragen sein, aber irgendwann erreichen wir es alle.

4. Helfende Tiere

Schon als Kind mochte ich die Geschichten, in denen die Hauptfigur einem Tier hilft und dafür später belohnt wird. Die scheinbar unwichtige gute Tat am Anfang (die oft der jüngste, vermeintlich schwächste Sohn tut, siehe Punkt 2) wird später, wenn die Lage aussichtslos erscheint, auf überraschende Weise belohnt und ermöglicht das Happy End. Manchmal ist es etwas so Kleines wie eine Biene, die Gutes mit Gutem vergilt. Das mag uns daran erinnern, dass jedes Tier, egal wie klein und vermeintlich unwichtig, seinen Platz im Ökosystem hat und eine wichtige Rolle spielt.

5. Wörter, Sprache, Zaubersprüche

Ich bin ein Sprach-Nerd, und natürlich faszinieren mich Märchen, in denen Sprache und das Sprechen eine Rolle spielen. Die kleine Meerjungfrau opfert ihre Stimme, um Mensch werden zu können. Die kluge Bauerntochter hebelt die Aufgabenstellungen aus, indem sie die Anweisungen wörtlich nimmt – aber anders, als man es erwartet hat. Manchmal versteht der Held (generell oder durch ein Ereignis) die Sprache der Tiere. Es gibt Zauberworte, die man aussprechen muss oder Schriften, die man entziffern muss.

Wer könnte nicht nachvollziehen, wie schrecklich sich der ... in »Die Geschichte von Kalif Storch« gefühlt haben muss, als ihm das Wort »Mutabor« nicht einfällt, um sich und den ... zurück in Menschen zu verwandeln? Wir kennen das doch alle, wenn uns ein Wort auf der Zunge liegt, aber wir es nicht zu fassen bekommen!

5. Magische Wesen

Dass Drachen ihren Weg aus den Märchen und Mythen in die Fantasy gefunden haben, ist bekannt. Aber es gibt viele andere Fabelwesen und verzauberte Tiere. Die in eine Schleiereule verwandelte Prinzessin in Kalif Storch«. Die wilden Schwäne. Gestaltwandler, die ihr Fell ablegen und zu Menschen werden können.

Manche dieser Wesen sind im Märchen überraschend anders als wir sie heute aus der Fantasyliteratur oder Filmen kennen. Erinnern Sie sich, dass das tapfere Schneiderlein unter anderem ein gefährliches Einhorn fangen muss, das »großen Schaden anrichtet«?

6. Märchen wie Romane. Romane wie Märchen.

Was ich auch schon immer mochte, sind Märchen mit epischen, ausführlich geschilderten Questen, komplizierten Heldenreisen auf der Suche nach bestimmten Gegenständen oder Aufgaben. Sie konnten mir gar nicht lang genug sein. Der Weg war oft das Ziel! Umgekehrt lese ich auch gern Romane mit märchenhaften Elementen – kein Wunder, dass mein Jugendfantasy-Roman »Weltenfäden« auch einige enthält!

Es ist kein Wunder, dass es mir schwerfällt, mich für ein Lieblingsmärchen zu entscheiden, wenn es so viele Motive gibt, die ich gern lese! Aber während ich darüber nachdachte, fiel mir eine ganz bestimmte Geschichte immer wieder ein. Um wirklich zu sagen, dass es mein allerliebstes Märchen ist, müsste ich zu viele andere auf die Plätze verweisen. Aber es ist mir seit meiner Kindheit sehr vertraut, denn meine Mutter hat es mir vorgelesen, als ich klein war. Und wir haben schon damals Situationen erlebt, in denen es sehr präsent war.

Ein Märchen, das mir immer wieder begegnet

Das Märchen, das ich meine, vereint einige meiner Lieblingsmotive: die Schwester, die Verantwortung übernimmt. Das verzauberte Tier. Die Sprache. Und es thematisiert eine Reihe von intensiven emotionalen Konflikten. Es bietet keine perfekte Lösung oder nur Hinweise darauf, aber es erzählt davon, wie schwer es sein kann, eine Entscheidung zu treffen.

Es ist »Brüderchen und Schwesterchen« aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Kennen Sie es? Grob zusammengefasst: Brüderchen und Schwesterchen laufen von zu Hause weg, wo ihre Stiefmutter sie misshandelt. Im Wald hat das Brüderchen großen Durst, aber alle Brunnen, die sie finden, hat die Stiefmutter verwünscht. Der erste Brunnen sagt: »Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger«, der zweite »Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf«. Beide Male reißt sich das Brüderchen zusammen. Die dritte Quelle sagt »Wer aus mir trinkt, wird ein Reh«. Zwar ein Tier, aber immerhin keine Gefahr für das Schwesterchen. Brüderchen trinkt und wird zum Reh. 

Eine Weile leben das Mädchen und das Reh im Wald, bis der König dort eine mehrtägige Jagd veranstaltet. Das Brüderchen, das sprechende Reh, wünscht sich nichts mehr als dabeizusein. Aber Schwesterchen weiß, dass das sehr gefährlich wäre. Dennoch lässt sie es irgendwann gehen. Ab da geht die Geschichte weiter wie so oft im Märchen: das Reh wird entdeckt und zum Glück nicht erschossen, sondern verfolgt. Man entdeckt das Schwesterchen, der König heiratet es, die Geschichte noch nicht zu Ende … aber die Momente, an die ich immer wieder denke, sind passiert.

Wie »Brüderchen und Schwesterchen« mich begleitet hat

Einer davon sind die Brunnen im Wald. Die begleiten mich heute noch auf Wanderungen, im Harz und anderswo. Brunnen habe ich dabei weniger gefunden, aber umso mehr Bäche. Jedes Mal, wenn ich das Wasser eines Baches murmeln höre, wenn es erstaunlich laut gluckernd über Steine fließt, denke ich an den Satz des Brunnens: »Wer aus mir trinkt, wird ein Reh!«

Der andere Moment ist ein echter Schlüsselmoment für die Geschichte, an den ich auch immer wieder denke. Hier der Wortlaut der Stelle in meiner alten Ausgabe der Grimms Märchen:

Und als es die Jagdlust wieder draußen hörte, sprach [das Brüderchen]. »Ich kann′s nicht aushalten, ich muß dabeisein!« Das Schwesterchen weinte und sprach: »Nun werden sie dich töten, und ich bin hier allein im Wald und bin verlassen von aller Welt, ich lass′ dich nicht hinaus.« – So sterb ich hier vor Betrübnis«, antwortete das Rehchen, »wenn ich das HIfthorn höre, so mein′ ich, ich müßt′ aus den Schuhen springen!« Da konnte das Schwesterchen nicht anders und schloß ihm mit schwerem Herzen die Tür auf, und das Rehchen sprang gesund und fröhlich in den Wald.1

Als Kind haben mir unsere Katzen diese Stelle immer mal wieder vor Augen geführt. Wir wohnten am Dorfrand, um uns herum Felder und Wiesen, wo manchmal gejagt wurde. An solchen Tagen versuchten wir natürlich, die Katzen im Haus zu behalten, damit sie nicht erschossen wurden. Aber genau an diesen Tagen wollten sie besonders sehnsüchtig nach draußen. Zumindest kam es uns so vor, wenn sie an der Haustür standen und herzzerreißend miauten …

Beim Erwachsenwerden lernt man dann: Es kann im Leben Situationen geben, in denen man eine möglicherweise folgenschwere Entscheidung für jemand anderen treffen muss. Eltern können ein Lied davon singen. Aber auch ohne eigene Kinder kann es solche Momente geben. Ich finde das unendlich viel schwerer, als für mich selbst etwas zu entscheiden. Ich wünsche mir für diese Art von Situation einerseits Schwesterchens Empathie für das Brüderchen und dessen Herzenswunsch, andererseits genug Verstand und Abstand, dass ich die vernünftigen Gegenargumente nachvollziehen kann. Und ich wünsche mir die Kraft, zwischen beidem abzuwägen und das Richtige zu entscheiden.


 »Brüderchen und Schwesterchen«, in: Märchen der Brüder Grimm. Mit 100 Aquarellen von Ruth Koser-Michaels. Th. Knaur Nachf., Berlin 1957

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